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14.01.2014 – „Hier sehen wir etwas, was so nicht zu sehen sein sollte.“

Am Morgen drehe ich fast durch vor Angst. Ich bitte die Ärzte inständig, dich gründlich zu untersuchen und sage immer wieder, dass ich nicht an einen Magen-Darm-Infekt glaube.

Als die diensthabende Ärztin dich untersucht und deine Pupillen nicht reagieren, fordert sie einen Ultraschall an.

Es ist Mittag, du bist todmüde und versuchst einzuschlafen, als die Tür aufgeht und uns die Schwestern eilig zum Ultraschall bringen. Erst wird lange dein Bauch untersucht, dann setzt der Arzt den Schallkopf an deinem Kopf an. Schlagartig wird es still im Raum. Auf dem Monitor sehe ich zwei große dunkle Flecken, weiß aber nicht, was sie bedeuten. Der Arzt sagt: „Hier sehen wir etwas, was so nicht zu sehen sein sollte.“ Für einen Bruchteil einer Sekunde bin ich erleichtert. Endlich ist der Grund gefunden! Endlich kann dir geholfen werden!

Ein Blick in das Gesicht des Arztes lässt alle Erleichterung weichen. Irgendetwas stimmt nicht. Er sagt etwas von Hirnwasserstauung, massiver Hirnquetschung und einer „raumfordernden Struktur“. Es fallen Worte wie „Not-OP“, „Tumor“ und „akut lebensbedrohlich“. Alles dreht sich, ich verliere den Boden unter den Füßen und breche in Tränen aus, während deine Verlegung in die Uniklinik vorbereitet wird.

„Es ist keine Zeit zu verlieren, nun geht es um jede Minute“, sagt mir der Arzt, als er mich in unser Zimmer bringt, wo ich weinend in Windeseile und in größter Verzweiflung unsere Sachen zusammenpacke. Ich verstehe die Welt nicht mehr, so etwas kann dir einfach nicht passieren! Du bist doch noch so jung! Er muss sich irren! Das trifft doch nur die anderen! Doch dieses Mal sind wir „die anderen“.

Ich rufe deinen Papa an, der auf Arbeit sofort alles stehen und liegen lässt und in die Uniklinik fährt um dich in Empfang zu nehmen. Ich sollte dich ursprünglich im Krankenwagen begleiten, doch als der vor der Tür steht ist klar: er ist zu klein, für mich ist kein Platz. Ich muss verzweifelt mit ansehen, wie du mit Blaulicht und Martinshorn abtransportiert wirst und bleibe mit all meiner mich verrückt machenden und lähmenden Angst zurück. Die Schwestern reagieren prompt und organisieren mir ein Taxi, das Taxigeld schießen sie mir aus der Kaffeekasse vor.

Ich treffe eine halbe Stunde nach dir in der Uniklinik ein. Ich renne zur Info und rufe schon von weitem „Ich suche meinen Sohn!“. Die Schwester am Empfang weiß sofort, wen ich meine und lässt mir von einem Schüler zeigen, wo ich dich finde. Du bist auf der Intensivstation, wo gerade ein weiterer Ultraschall gemacht wird. Papa hält dich im Arm, er ist so angespannt, dass er einen Krampf bekommt, aber er lässt dich nicht los. Du bist ruhig gestellt, gibst keinen Laut mehr von dir und bewegst dich kaum.

Nach dem Ultraschall ist klar, dass nur ein MRT Aufschluss geben kann über das, was tatsächlich in deinem Kopf ist. Glücklicherweise ist gerade ein MRT-Termin frei geworden. Du wirst narkotisiert, intubiert und gegen 16 Uhr zum MRT gebracht. Eine Stunde Ungewissheit folgt. In dieser Zeit holt Papa deinen Bruder vom Kindergarten ab und übergibt ihn eurem Onkel, der ihn mit zu euren Großeltern bringt, wo er die nächsten Tage verbringen wird. Ich bleibe in der Klinik und warte darauf, dass du aus dem MRT zurück kommst.

Vor dem MRT überlegten die Ärzte, ob sie heute nur eine Entlastung machen, um den Hirndruck zu mildern und morgen operieren. Nach dem MRT steht fest: der Tumor muss sofort raus, morgen kann es zu spät sein. Während du auf die OP vorbereitet wirst, folgen für uns zahllose Aufklärungsgespräche und noch mehr Tränen. Wir lesen die Aufklärungsbögen nicht – die Zeilen verschwimmen vor unseren Augen und außerdem fehlen uns Zeit, Ruhe und Konzentration dafür.

Um 19 Uhr verabschieden wir uns von dir vor dem OP-Saal. Schweren Herzens und voller Verzweiflung lassen wir dich zurück und fahren nach Hause. Noch bevor die OP beginnt bekommst du eine Bluttransfusion.

Um 01:15 Uhr erhalten wir den ersehnten Anruf aus der Klinik: du hast die OP gut überstanden, es gab keine Komplikationen.  Allerdings konnte der Tumor nicht vollständig entfernt werden. Ein kleiner Teil ist am Hirnstamm verblieben. Der erste Wirbelbogen musste entfernt werden, da der Tumor bereits dahinter saß.

Später werden wir erfahren, dass der Tumor 5 x 2 x 3cm groß war.