19.05.2020 – erst die Seele, nun der Körper

Eine kurze Nacht mit unruhigen Träumen, dafür mit viel Tränen liegt hinter uns. Die erste Nacht ohne dich…
Dein Körper liegt noch genauso friedlich wie gestern auf dem Sofa, dennoch sieht er anders aus. Weiter weg. Nicht nur deine Seele geht, auch dein Körper tut es.
Dein Bruder hat nach langer Zeit nun den ersten Tag wieder Schule und es ist gut, dass er Ablenkung bekommt. Als er geht, kehrt ungewohnte Stille ein. Es ist viel zu ruhig. So ruhig, dass mir die laute Stille fast das Trommelfell zerplatzt.
Wir sitzen bei dir, halten deine Hände, die so unendlich zart sind. Genau wie dein Wesen es ist. Es ist immer noch so unbegreiflich…
Ich schaue auf die Uhr – vor 24 Stunden hast du noch geatmet. Warst wunderbar warm und weich und ich dachte, wir hätten noch mehr gemeinsame Zeit.
Es kommt mir vor, als wäre es Wochen her, dass ich deine Stimme gehört habe. In deine Augen schauen konnte. Deine Hand sich um meine schloss… Ich habe Angst, den Klang deiner Stimme zu vergessen, dein typisches zartes Kichern, den Geruch deiner warmen Haare, die Berührung deiner Hand in meinem Gesicht… Ich lege mich neben dich, doch statt der gewohnten wohligen Wärme schlägt mir kalte Luft entgegen. Immer wieder brechen wir in Tränen aus. Alles ist so falsch.
Ich muss daran denken, wie du noch vorgestern zu mir sagtest: „Mama, weißt du, am schönsten siehst du mit Ring, Kette und Uhr aus.“„Du magst die Kette sehr, stimmts?“„Ja, die ist so schön!“„Nimm sie, ich schenke sie dir. Ich kann sie dir umlegen.“„Nein, Mama, die sieht nur an dir so schön aus.“… Ring und Uhr trage ich bereits, die Kette fehlt. Ich lege sie mir an und gebe dir still das Versprechen, sie nie wieder abzulegen.
Die Stunden ziehen sich wie Kaugummi. Wir reden über unsere Zeit mit dir, schauen uns Bilder an. Versinken in Erinnerungen, zerbrechen am Schmerz und bauen uns doch wieder auf. Deinem Papa tut alles weh, mir ebenso. Der Kreislauf macht schlapp, Kopf, Rücken, Beine, Herz – alles schmerzt. Wir sollten etwas essen und trinken, aber wir bekommen nichts hinunter.
Ich beginne, die Sachen vom Tisch wegzuräumen, die wir nun nicht mehr brauchen. Die Medikamente, Schmerzmittel, Kapseln, Utensilien. Alles weg.
Ich packe die Sachen für die Wundversorgung weg. Nie mehr offene Stellen versorgen. Nie mehr Kompressen um deinen tropfenden Fuß legen. Du hattest das alles so tapfer ertragen.
In Vorbereitung auf das Bestattergespräch suche ich die nötigen Unterlagen raus und lege sie bereit.
Wir überlegen uns, welche Klamotten du am liebsten angezogen hättest und entscheiden uns für dein absolutes Ninjago-Lieblingsshirt, die Ninjago-Socken und deine leuchtend blaue Kuschelhose.
Wenn der Schmerz, dich so still auf dem Sofa liegen zu sehen zu groß wird, gehen wir in den Garten. Raus in die Sonne. Ich sehe dich überall – im Buggy unterm Apfelbaum, auf deinem Stuhl am Tisch, auf der Treppe…

Am Abend fahren die Bestatterfrauen bei uns vor. Sie setzen sich neben dich, lernen dich kennen. Wir unterhalten uns über dich und all das, was dich als unseren Konrad ausgemacht hat. Sie sind sehr einfühlsam, warmherzig. Wir fühlen uns bei ihnen in guten Händen und wissen, die Entscheidung für sie war die richtige Entscheidung.
Dein Bruder zieht sich bald nach oben zurück und will sich ablenken.
Am Tisch regeln wir die Formalitäten, bevor wir uns der letzten Waschung zuwenden. Die Bestatterfrauen haben alles dabei, sie sind so wunderbar vorbereitet. Ich hole dein Lieblingsduschbad, das du dir noch vor einigen Wochen selbst ausgesucht hast: auf der Flasche ist ein kleiner Pinguin, der einen Luftballon hält, darunter die Schrift you are so loved. Und das bist du: so geliebt!
Wir ziehen dir die Sachen aus, die du seit Sonntag trägst. Das Ausziehen ist so einfach, deine Arme sind weich und es ist fast, als würdest du uns unterstützen. Die Bestatterfrauen sagen, dass sie sehr selten erleben, dass ein Mensch nach dem Tod so geschmeidig (das Wort wird heute noch häufiger fallen) ist. Das zeige, wie sehr du loslassen konntest, wie entspannt du gegangen bist. Es erleichtert mich, denn das war es, was ich mir so sehr für dich gewünscht habe. Ein Loslassen, ein gelöstes Zurücklassen deines Körpers, ohne Angst und ohne dich an etwas festzuhalten. Dein Papa und ich waschen dein schmales Gesicht, deine dünnen Arme, deinen dicken Bauch und die dicken Beine. Alles an dir hat sich seit gestern schon verändert – nur deine Beine nicht, sie sind so wie immer. Vielleicht ist es tatsächlich so, wie du immer sagtest: „Mein totes Bein.“ Mir blutet das Herz, als ich deine Druckstellen sehe, all das, was dir so viel zusätzliches Leid gebracht hat…
Nach dem Waschen ölen wir deinen Körper ein. Es tut gut und gleichzeitig so weh, hattest du das Einölen doch vorgestern Abend noch so genossen. Und nun… es fehlt dein Lächeln, dein Schnuppern, deine Worte, deine Wärme…
Eigentlich wollten wir dir wieder ein Höschen (du hast das Wort „Windel“ so gehasst) anziehen, doch die Bestatterfrauen geben uns eine Einlage, damit du endlich endlich endlich wieder einen Schlüppi tragen kannst. Das letzte Mal, dass du einen Schlüppi getragen hast, ist viel zu lange her. Das Anziehen geht so leicht wie das Ausziehen und nun liegst du vor uns, schick und frisch – und viel zu ruhig.
Ich gehe nach oben und frage deinen Bruder, ob er dich noch einmal so sehen will. Und ob er dabei sein will, wenn wir dich in den Sarg legen. Nach kurzem Zögern stimmt er zu – ich bin sicher, du wärest wahnsinnig stolz auf ihn.
Als die Bestatterfrauen den Sarg ins Wohnzimmer tragen, erschrecke ich über dessen Größe. Er erscheint mir so groß, dass ich selbst locker reinpassen könnte. Doch als dein Papa und ich dich hochheben und gemeinsam auf die weiche Polsterung legen, erkenne ich, dass der Sarg die perfekte Größe hat. Du bist so groß! Ich habe in den letzten Wochen, in denen du nur noch sitzen und liegen konntest, ganz vergessen, wie groß du im Stehen schon warst…
Die Bestatterfrauen lassen uns allein, um in aller Ruhe noch einmal mit dir sein zu können. Dein Bruder holt eine Lego-Figur, die er neben dich legt. Dazu sein gebasteltes Herz, auf das er „hab dich lieb“ geschrieben hat. Papa und ich legen dir eine Legokarte und deinen Legokatalog in die Hand, letzteren kennst du in- und auswendig und konntest dich stundenlang darin vertiefen.
Es ist alles so stimmig und doch so falsch. Wir könnten dich noch bis morgen bei uns behalten, doch wir sind uns einig, dass es an der Zeit ist, nun auch deinen Körper weiterreisen zu lassen.
Wir konnten uns ausgiebig von dir verabschieden, in Erinnerungen versinken, dich waschen, ölen, ankleiden, betten – jetzt ist für uns der passende Abschluss. Dein Bruder ist erleichtert, denn schon gestern Abend fiel es ihm schwer, dich zu sehen.
Wir heben zu dritt den Deckel auf den Sarg, mit einem Seufzen und schweren Herzens. Aber schließlich wissen wir, dass es nur dein Körper ist, der nun zugedeckt ist. Vielleicht siehst du uns gerade zu, wer weiß?
Dein Papa hilft dabei, den Sarg ins Auto zu tragen. Der nächste Schritt ist getan. Das nächste Mal werden wir ihn (und deinen Körper) im Krematorium sehen.

 

3 Kommentare zu „19.05.2020 – erst die Seele, nun der Körper

  1. Ihr lieben lieben Kaempfer-Konrads – Eltern und liebster Bruder. Ich weiß gar nicht, was ich Euch tröstendes schreiben könnte… Ich glaube, Euren Trost gab euch bereits euer kleiner großer Konrad selbst, in allem, wie er mit euch und ihr mit ihm, gemeinsam durch Höhen und Tiefen gegangen seid. Eben war ich noch dabei, um das Kliniktagegeld für mich zu überweisen. Ja, ich hatte auch wieder einen kleinen ungebetenen Gast, der aber erfolgreich entfernt werden konnte. Irgend etwas sagte mir, dass ich jetzt in meine E-Mail reinschauen sollte. Das tat ich und als aller erstes, erschien mir der Hinweis auf eure so liebevoll gestaltete, hoffnungsvolle und doch schmerzliche Seite.
    Ich wünsche Euch so unendlich viel Kraft, all die Kraft, welche Euch Euer lieber Konrad trotz allem gab und täglich zeigte. Sehr traurig, dass er gehen musste, viel zu früh, aber gut, dass er jetzt von allem befreit ist, ebenso auch sein Bruder und ihr.
    Möge Euer kleiner Sternenkämpfer endlich seine seelige Ruhe haben und über Euch wachen – befreit – schmerzfrei – glücklich. Zeit spiet für ihn jetzt keine Rolle mehr, also lasst euch ebenfalls viel Zeit, um für Konrads starken Bruder auch ein schönes Leben mit viel Freuden zu gestalten. Keine Sorge, ihr werdet rein gar nichts von ihm vergessen. Eltern können das gar nicht, denn wen und was man innigst liebt, geht niemals verloren. Fühlt Euch ganz lieb umarmt von Andrea1.

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  2. Dani, es schmerzt so, von deinem Schmerz zu lesen. Euer Jüngster hat sich die beste Familie ausgesucht, die er weltweit finden konnte. Konrad ist immer bei euch und er hat so vielen Menschen so viel aufgezeigt, hat seine „Arbeit“ hier mehr als getan.
    Ich denke ganz viel an euch und euer wundervolles Kind.
    Sag, wenn irgendjemand irgendetwas für euch tun kann!
    Alles Liebe!

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  3. Liebe Daniela,
    ich kann euch so nachfühlen. Es tut mir so leid. Ich habe aus der Ferne immer wieder mitgelitten. Winston ist am 04.03.20 gestorben. Ganz liebe Grüße von mir.

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