17.05.2020 – auf dem Weg ins Universum

Den ganzen Tag bist du müde, hast viel im Buggy in der Sonne gesessen und uns zugeschaut, wie wir die Pflanzen in die Beete gebracht haben.
Ich bin noch nicht ganz fertig damit, aber du willst gern wieder ins Haus zurück. Du hast Hunger, schließlich ist es Abendessenszeit und „Außerdem hab ich Nase voll vom Draußensein!“

Dein Papa nimmt dich mit rein aufs Sofa, während ich die restliche Arbeit draußen fertig mache.
Dein Bauch schmerzt und du brauchst mich, also beende ich vorzeitig und setze mich zu dir.
Wir haben einen gemütlichen Abend, leckeres Abendessen (von dem du nur ganz wenig schaffst) und eine entspannte Zeit bei einer Kabarettsendung.
Du bist zwar müde und schläfst fast ein, willst aber noch nicht ins Bett. Also bleibe ich mit dir im Wohnzimmer, während Papa und Justus ins Bett gehen.
Wir reden über alles mögliche – mir fällt es zunehmend schwer, dich zu verstehen. Du redest schon immer leise, doch jetzt auch noch undeutlich. Ich muss oft nachfragen, bis ich einmal verstehe, was du sagst. Ich schiebe es auf die Müdigkeit.
Allerdings beunruhigt mich das starke Pulsieren in deinem Genick, wo die erste OP ein großes Loch hinterlassen hat. Zudem ist dein Gesicht plötzlich noch dünner als sowieso schon… Ein Gefühl der Angst schleicht sich an…

Es ist gegen 22 Uhr, als ich dich bettfertig machen will – doch als ich in deine Augen sehe, wird mir schlagartig klar, dass du andere Pläne hast. Ich weiß es mit einer Bestimmtheit, die mich erschreckt.
Ich frage dich: „Willst du gehen?“
Du nickst und sagst: „Ich mache mich auf den Weg ins Universum.“ Und ich weiß, dass es auch wirklich so ist.
Ich wecke deinen Papa: „Komm, steh auf, Konrad macht sich auf den Weg.“
Wir setzen uns neben dich auf das Sofa, ich zünde eine Kerze an.
„Justus, ich brauche meinen Justus!“ rufst du – und ich wecke deinen Bruder.
Völlig verschlafen tappt er zum Sofa und kuschelt sich in eine Ecke.
„Sind alle da?“ willst du wissen.
„Ja, wir sind alle da. Es ist alles gut, wir sind bei dir.“
Wir machen aus dem Sofa ein großes Bett, ich halte dich in meinem Arm auf dem Schoß, streichle dich.
Mit einem dicken Kloß im Hals frage ich dich: „Willst du jetzt zu deinem einzigen Freund?“
Du antwortest mit deiner dünnen Reibeisenstimme: „…eisssseeen.“„Ich verstehe dich nicht, was meinst du?“ – Du gibst dir merklich Mühe, deutlich zu sprechen: „Drrrreizehhhhhn!“„Dreizehn? Du hast dreizehn Freunde im Universum?“ Du nickst zufrieden. „Die darfst du jetzt sehen. Geh ruhig, ich werde immer bei dir sein.“ Und mein Herz bricht.

In den nächsten Stunden rede ich viel mit dir, auch wenn das Antworten schwer für dich ist.
Ich flüstere dir ins Ohr, wie dankbar ich für dich bin. Dass ich immer die liebste Mama für dich sein wollte. Du hebst deine kleine zarte Hand und streichelst mir über das Gesicht: „Aber das bist du doch auch.“ Eine Träne kullert über meine Wange und bleibt in deinen Haaren hängen.
Du schmiegst deinen Kopf an meinen Hals, ich halte dich fest und will dich für immer so halten.

8 Kommentare zu „17.05.2020 – auf dem Weg ins Universum

  1. Ich halte inne, die Augen geschlossen, das Handy in der Hand und kämpfe mit den Tränen. Ich habe diese Nachricht in den letzten Wochen ständig erwartet und dennoch trifft sie mich unvorbereitet. Ich bin bei euch, sitze für einen Moment mit auf dem Kuschelsofa. Ich wünsche Konrad eine gure Reise in sein Universum!

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  2. Wie schmerzlich-schön! Ich hatte Gänsehaut und die Tränen kamen. Möge es Konrad im Universum gut gehen, möge diese Vorstellung die Familie trösten!

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  3. Breite deine Flügel aus und flieg frei wie ein Vogel, kleiner großer Kämpfer Konrad!

    Heute Morgen, auf dem Weg zum WPE, habe ich deine Zeilen gelesen und konnte und wollte meine Tränen nicht zurückhalten. Auch wenn wir euch und Konrad nie persönlich kennengelernt haben, fühlen wir uns vom Herzen und gedanklich mit euch verbunden. Konrad kann sich so glücklich schätzen, euch an seiner Seite zu haben – immer, andauernd, überall.

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  4. Hallo Dani, es ist unendlich schmerzhaft deine /eure Zeilen zu lesen. Es ist sehr schwer Worte zu schreiben. Zu wissen, dass nichts davon annähernd an euren Schmerz heran kommen kann. Ich wünsche euch, dass ihr gemeinsam einen Weg findet, mit dem Tod von Konrad umzugehen, euch zu halten, euch Zeit zu geben, eure ganzen Gefühle am Laufen zu halten. Ich wünsche euch Kraft für euch in Leben und für Konrad im Universum.

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  5. Worte zu finden für so einen Moment ist so schwer. Ich bin sicher Konrad ist gut bei seinen 13 Freunden im Universum angekommen & die passen jetzt gut auf ihn auf.
    Ich wünsche Ihnen als Familie viel Kraft für die kommende Zeit – zum trauern, zum loslassen & zum verstehen – für ein Leben wo Konrad in seinem Universum ist & in ihrem Herzen.

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  6. Ich und meine Familie sind mit Gedanken und Herzen bei euch. Ich möchte mich bei euch für das mir entgegengebracht Vertrauen bedanken und für die Zeit, die ich mit Konrad verbringen durfte. Mich haben die letzten Einträge sehr berührt und wir wünschen euch für die Zukunft alles Gute.

    Liebe Grüße
    Christian Reinisch und Franziska Andrä

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