28.09.2018 – offene Karten

Die Tage seit der Nachricht waren so gefüllt mit Energie, die in alle Richtungen lief und uns das Gefühl gab, dass die Tage viel mehr als nur 24 Stunden hatten.
Doch nun ist alles anders. Seit zwei Tagen ist alles zäh. Es fühlt sich an, als würde alles, die ganze Welt, aus Leim bestehen. Die Zeit, die Bewegungen, das Atmen, die Gespräche… Das ganze Leben ist zäh. Die Erde hat so sehr an Schwerkraft zugelegt, dass ich beim Laufen kaum die Füße vom Boden heben kann. Ich fühle mich, als hätte ich Gewichte an Beinen und Armen.
Auf Arbeit möchte ich nur den Kopf auf den Tisch legen und bis in alle Ewigkeit so verharren.

Bis heute früh haben wir es dir nicht sagen können. Es hat einfach nie gepasst. Wie sollten wir dir lustigem Rumwuselkind sagen, dass da wieder etwas in deinem Kopf ist?

Beim Aufwachen am Morgen murmelst du: „Licht aus! Mein Gehirn verträgt gerade kein Licht, ich habe Gehirnschmerzen!“ Da ist sie – diese eine Situation, die Klarheit schaffen soll. Ich atme tief durch. Okay, du gibst uns die Richtung und das Tempo vor, wir spielen jetzt mit offenen Karten.
Ich mache das Licht aus, umarme dich fest und sage dir, dass das sein kann, weil da Zellen in deinem Gehirn Blödsinn machen und herumrandalieren. Sie wollen deine Aufmerksamkeit und wir müssen uns um sie kümmern, damit sie mit dem Unfug aufhören. Gemeinsam überlegen wir, was du machen kannst und gehen verschiedene Möglichkeiten durch. Nach einer Weile hast du die zündende Idee: „Ich muss die Zellen mit einer Spritze voll Liebe anpiksen!“
Was für eine großartige Idee! Perfekt, mach das genau so!

Am Abend bringe ich dich ins Bett und frage dich, ob du noch mal in dein Gehirn reisen und die Zellen mit der Spritze anpiksen willst. Über diesen Vorschlag bist du ganz erstaunt, denn: „Da sind doch gar keine mehr, das weiß ich ganz genau. Ich hab doch da einen Monitor in meinem Gehirn und da sehe ich das immer.“
Du schaffst es immer wieder, mich bis ins tiefste Innere zu rühren. Ich halte dich in meinen Armen bis du fast eingeschlafen bist und du murmelst ganz leise: „Mama, versprich mir, dass du immer ganz nah bei mir bist!“
Überdosis für mein Mamaherz…

3 Kommentare zu „28.09.2018 – offene Karten

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