11.12.2017 – Tag X

Tag X – was wird er uns bringen?

Eine viel zu warme und viel zu stickige Nacht liegt hinter uns. Trotz Fenster und Balkontür auf Kipp kam einfach keine frische Luft rein, dafür schniefst du jetzt ordentlich. Mist, dabei solltest du gerade in dieser Nacht erholsamen Schlaf bekommen…

Die OP soll am Morgen stattfinden, also mache ich dich rechtzeitig tagfertig. Du bekommst Emla-Pflaster auf beide Hände geklebt, sicher ist sicher.
Zum Glück müssen wir nicht lange warten und es kommt auch kein Notfall dazwischen, der den Zeitplan verschieben würde. Es ist viertel neun. In deinem großen OP-Hemdchen begleite ich dich zum OP-Saal. Den gleichen Weg sind Papa und ich vor fast vier Jahren schon einmal mit dir gegangen. 1427 Tage liegen dazwischen, es ist in dieser Zeit so viel passiert.
Vor dem OP warten die OP-Schwestern auf dich. Eine nimmt dich auf den Arm und sagt, dass du dich jetzt von mir verabschieden kannst. Du drückst dich fest an mich und ich gebe dir einen Kuss. „Träum was Schönes, wir sehen uns nachher wieder!“ sage ich dir zum Abschied und hoffe inständig, dass ich dich genau so wieder sehen werde wie du jetzt bist.

Die Wartezeit will ich zum Frühstücken nutzen, doch gerade als ich mich im Zimmer zum Essen hinsetze, teilt mir die Stationsschwester mit, dass ich meine Sachen packen solle, den Nachttisch könne ich so lassen, den stellen sie irgendwo ab. Ich bin verwirrt, ziehen wir in ein anderes Zimmer um? Sie schaut mich verwundert an und erklärt, ich müsse die Station verlassen, denn du kommst auf die ITS und damit darf ich nicht mehr hier sein. Die ITS hätte kein Bett für mich, ich könne ja in das Elternhaus gehen oder sonstwo hin, da müsse ich mich kümmern. Ich habe einen Kloß im Hals und denke an Würzburg, wo ich selbstverständlich auf Station bleiben konnte während du auf der ITS lagst.
Das Elternhaus – schlafe ich dort, muss ich nachts, wenn du mich brauchst, mindestens eine Viertelstunde im Dauerlauf bis zu dir hetzen. Das ist für mich keine Option. Ich lasse dich doch nicht allein! Mir steigen die Tränen in die Augen. Unter anderen Umständen hätte mich das nicht so aus der Bahn geworfen. Aber jetzt…
Eigentlich wollte ich mit deinem Papa während deiner OP eine kleine Geburtstagssause in der Cafeteria machen. Jetzt hilft er mir beim Packen und der Suche nach einer Bleibe für mich.
Wir fragen auf der ITS nach. Wenn sie dort kein Bett für mich haben, übernachte ich eben auf einem Stuhl neben deinem Bett. Für eine Nacht wird das gehen.
Für die Schwester ist das alles kein Problem, irgendwas wird sich finden, wir sollen warten bis du aus dem OP kommst, dann meldet sie sich bei uns.
Wir überlegen, wann du fertig sein könntest. Um eins? Um zwei?
Gegen Mittag fährt dein Papa wieder, ich warte im Gang zwischen OP und ITS. Irgendwann musst du hier vorbeikommen. So kann ich dich gar nicht verpassen.
Kurz vor um zwölf eilen zwei Mitarbeiter der ITS mit viel Technik an mir vorbei Richtung OP. Das kann alles und nichts bedeuten. Aber mein Magen sagt mir, dass sie zu dir gehen. Jetzt schon?
Ich warte weiter – und höre nach einer halben Stunde ein Piepen. Ein vertrautes Piepen. Diesen Rhythmus kenne ich, tausende Male habe ich ihn schon gehört. Als ich mich umdrehe, sehe ich die beiden Mitarbeiter mit einem Bett anrollen. Mit deinem Bett! Ich gehe auf sie zu und sehe dich dort liegen. Du wirkst so unendlich zart und verletzlich, so winzig wie damals. 1427 Tage…
Die ITS-Schwester gibt ein erstes Daumenhoch für die OP und bittet mich freundlich um eine halbe Stunde, die sie brauchen, um alles einzurichten. „Wir holen Sie dann ab. Keine Sorge, wir vergessen Sie nicht.“
Ich gebe dir einen Kuss auf die Wange und bin beruhigt, dass die OP offenbar ohne Komplikationen verlaufen ist. Alles ist gut, ganz bestimmt!

Es vergeht keine halbe Stunde bis ich gerufen werde. Auf dem Weg in dein Zimmer komme ich an dem Zimmer vorbei, in dem sich unser ganzes Leben auf den Kopf gestellt hat. 1427 Tage…

Du wirst wieder schneller wach als du es werden solltest. Deine Beatmung läuft noch und zum Weiterschlafen bekommst du noch eine Gabe Propofol. Alles zu seiner Zeit, wir haben keine Eile.

Du nimmst dir nicht viel Zeit, du bleibst genau der gleiche Durchstarter, der du schon seit dem Tag deiner Geburt gewesen bist.
Nach dem Extubieren bist du noch leicht im Dusel. Deine Stimme ist noch undeutlich und röchelnd. Als du mitbekommst, dass ein winzigkleines Baby, geboren vor wenigen Stunden, mit im Zimmer ist, versuchst du aufzustehen. „Ich will sehen!“ röchelst du. Später, auch das hat Zeit.

Dein zentraler Venenkatheter stört dich, er zwickt am Hals.
Den Zugang am Fuß findest du doof.
Du untersuchst jedes einzelne Kabel und jeden Schlauch gewissenhaft. Willst wissen, was alles ist und wozu es gebraucht wird. Ich erkläre es dir, du hörst interessiert zu. Als du die Drainage an deinem Hinterkopf entdeckst, ziehst du sie vorsichtig lang, lachst und sagst: „Das ist meine Antenne!“
Ich freue mich, dass du noch ganz der alte Konrad bist. Ich merke keinen Unterschied zu heute Morgen.
Auf dem Rücken ist es dir nach einiger Zeit zu langweilig, du willst dich auf die Seite legen und aus dem Fenster schauen. Ich helfe dir, dich mit all den Schläuchen und Kabeln zu drehen. Beim Drehen landet ein Bündel davon direkt vor deinem Mund. Du schmunzelst und sagst: „Hmmmm, lecker, Kabel!“
Die wahrscheinlichste OP-Folge ist eine Sehstörung – ich will wissen, ob du alles noch so siehst wie vorher und mache Spiele mit dir. Rechtes Auge zuhalten. Linkes Auge zuhalten. „Wie siehst du mich?“ will ich wissen. „Ich sehe dich dreimal…“ Oh nein, bitte nicht! Mein Herz stockt. „…einmal hier, einmal in meinem Herzen und einmal… hmmmm… äh… fühle ich dich in meinem ganzen Körper.“ Erleichtert und gerührt drücke ich dich fest. Ja, du bist noch immer genau unser Konrad!

Es ist kurz nach halb drei, du bist eine Quasselstrippe als wäre nichts gewesen. Am liebsten willst du zurück auf unser Zimmer, den Wunsch kann ich dir nicht erfüllen. Aber dein zweiter Wunsch – Papa und Justus zu sehen – wird erfüllt. Eine gute halbe Stunde später sitzen wir zu dritt an deinem Bett, machen Faxen und sind alle dankbar, dich so fit und fröhlich zu sehen.

An diesem Geburtstag, dem aufregendsten meines ganzen Lebens, hast du mir das kostbarste Geschenk gemacht, das es gibt.

3 Kommentare zu „11.12.2017 – Tag X

  1. Das ist so toll, dass euer tapferer Konrad alles so prima überstanden hat! Eines der besten Weihnachtsgeschenke schon vorab überhaupt! Alles Liebe für euch weiterhin, möge endlich der Tumor wegbleiben!
    Liebe Grüße von Andrea

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      1. Ihr Lieben, leider habe ich Euch ein wenig aus den Augen verloren, dennoch hoffe ich so sehr, dass es eurem kleinen großen Kämpfer richtig gut geht.

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