08.12.2017 – Heimaturlaub

Der Tag beginnt mit dem Klingeln meines Handys. Dein Papa weckt mich mit dem Anruf, du lässt dich nicht stören und schläfst seelenruhig neben mir weiter. Gerade als ich den Anruf annehme, kommt die Schwester ins Zimmer und verkündet, dass du als nächster für die Blutabnahme dran bist. Ich muss mich erst einmal sortieren, ich bin noch gar nicht richtig wach. Wie spät ist es eigentlich? Meine Uhr zeigt kurz nach halb acht – verschlafen! Ich springe aus dem Bett und mache mich in Windeseile tagfertig.

Du bist kaum wach zu bekommen, schläfst noch so tief, dass meine Stimme nicht bis zu dir durchdringt. Du reckst dich unter meinen Händen in alle Richtungen und allmählich weicht der Schlaf von dir. Wie schön, dich so fröhlich zu sehen! Wir sind gerade mit dem Umziehen deiner Sachen fertig, als wir beim Verlassen des Bades von der Schwester ins Behandlungszimmer gerufen werden.

Noch sieht der Ablauf des heutigen Tages momentan so aus:
Blutabnahme – MRT – Aufklärungsgespräche mit Anästhesie und Neurochirurgie – Heimfahrt
Der Ablauf wird sich von jetzt an stündlich ändern.

Für die Blutabnahme hältst du meinen Daumen fest: „Ich drück schon mal ganz fest.“ „Mach das, drücke so fest du willst und kannst.“
Die zweite Schwester überlegt, wie sie deinen Arm fixieren soll, damit du ihn beim Stechen nicht wegziehst. Diese Sorge kann ich ihr nehmen, du wirst weder den Arm wegziehen noch jammern. Du hast in deinem Leben das alles und noch so viel mehr viel zu oft über dich ergehen lassen müssen. Du wirst nichts anderes machen als es stumm zu erdulden.

Die vier Röhrchen sind schnell gefüllt und du darfst bei allen den Stempel abknicken. Bevor wir gehen holt die Schwester die Schatzkiste. Ihr sagt gemeinsam einen Zauberspruch auf und du staunst, als die Schatzkiste ihren Inhalt zeigt. Schnell nimmst du dir einen Fußballstikee und drückst ihn mit beiden Händen an dein Herz. Im Zimmer sagst du mir: „Den hab ich für meinen Justus rausgesucht. Der freut sich darüber!“  Was bist du nur für ein liebevoller und einfühlsamer Bruder!

Das Aufklärungsgespräch mit der Anästhesie ist zügig erledigt, abgehakt.

Die MRT-Aufnahme sollte erst in Sedierung erfolgen, nun heißt es, du wirst in Narkose gelegt. Also wird doch eine Flexüle gebraucht. Wir gehen ein zweites Mal ins Behandlungszimmer. Die Schwestern dürfen dich nur unter einer Bedingung ein zweites Mal stechen: wenn du danach noch einmal in die Schatzkiste greifen darfst.

Wieder auf dem Zimmer warten wir darauf, dass wir runter zum MRT gerufen werden. Statt dessen kommt die Ärztin und sagt, dass der Neurochirurg dir Klötzchen auf den Kopf kleben wird, irgendwelche Tuscheldinger, die bis zur OP dran bleiben müssen. Fallen die übers Wochenende ab, kann die OP am Montag nicht stattfinden. Außerdem könnten wir frühestens morgen vormittag nach Hause fahren.
Ich grübele, ob wir das Risiko in Kauf nehmen und übers Wochenende heim fahren oder doch lieber hier bleiben. Vielleicht entscheiden wir das nach der ersten Nacht mit den Tuscheldingern auf deinem Kopf. Gegen Mittag betritt der Neurochirurg unser Zimmer. Er ist ganz erstaunt, dass wir noch auf die MRT warten – für ihn ist das unnötig, ebenso wie die Kopfklebedinger. Also warst du umsonst nüchtern, wurdest umsonst mit der Flexüle gepiesackt. Aber das Gute daran: wir können heute schon heim!

Während du hingebungsvoll und lautstark deine Spiele auf dem iPad kommentierst, bespreche ich mit dem Neurochirurgen alles rund um die OP. Für ihn ist der neue Tumor gut erreichbar. Er ist nicht im Hirn, sondern an der Hirnhaut, die an der Stelle entfernt werden muss. Von der alten Narbe aus wird eine Schnittverlängerung zur neuen Stelle gemacht. Er ist guter Dinge, dass der neue Tumor vollständig entfernt werden kann. Eventuell müssen ein paar kleine Reste verbleiben, aber das wird sich während der OP zeigen.
Das entnommene Material wird wieder analysiert werden, er kann nicht ausschießen, dass es sich um eine Bestrahlungsfolge handelt.

Ich fülle die Zettel und Formulare aus und unterschreibe alles. Damit ist der Punkt auch erledigt. Nun muss nur noch die Flexüle raus, dann können wir heim.
Oder doch nicht?
Die Schwester meint, morgen müsse noch mal Blut für das Kreuzblut abgenommen werden, das würde weder heute noch Sonntag gehen. Wir sollten besser noch eine Nacht hier bleiben.
Argh, so ein Hin und Her…

Der Schichtwechsel bringt endlich Klarheit: das Blut kann auch am Sonntag abgenommen werden, die Flexüle darf raus und wir können nach Hause. Hurra! Geht doch!

Während ich unsere Sachen packe und den „Urlaubsantrag“ unterschreibe, kommt die Ärztin von heute morgen zu uns. Ihr tue es sehr leid, dass wir so viele Umständlichkeiten und Unannehmlichkeiten hatten. Erst das Nüchternsein, dann die Flexüle und die Grübelei wegen der Tuschelkopfklebedinger. Alles halb so wild, ich bin doch froh, dass dir so vieles erspart geblieben ist. Keine Narkose, keine MRT-Aufnahme, keine Klebedinger am Kopf, dafür jetzt übers Wochenende heim – was gibt es Schöneres?

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