25.06.2015 – 3. Kontroll-MRT nach Therapieende

Gestern Abend gab es beim Einschlafen eine mittlere Katastrophe. Dein Bruder brach in Tränen aus, weil er im Kindergarten seine allerliebste Lieblingsmurmel verloren hat. Untröstlich und völlig verzweifelt war er – und du hast in brüderlicher Solidarität gleich mitgeweint. Arm in Arm lagt ihr beiden im Bett, habt euch gegenseitig die Schlafanzüge mit Tränen durchnässt und bitterlich geweint. Kleine Kinder mit großen Herzen… Als erster beruhigte sich dein Bruder irgendwann und schlief erschöpft vom Weinen ein, aber du hattest noch lange damit zu kämpfen. Selbst im Schlaf jammertest du noch „Muuumel wett is! Muuuuuuumel weeeeeett!“

Jetzt steht unser Klinikkoffer fertig gepackt vor der Tür, das Essen für Papa und Justus ist vorbereitet, die Unterlagen für den Elternabend sind ausgefüllt und unterschrieben, der Handyakku ist voll geladen – alles ist bereit,  ich kann dich wecken, damit wir in den Tag X starten können.

Um 8 Uhr sollen wir uns auf Station melden, ab 7 Uhr sollst du nüchtern sein. Nach einem kleinen Frühstück machen wir uns auf den Weg. Während der Fahrt bin ich angespannt. Ich denke an das vierblättrige Kleeblatt, das ich am Wochenende gefunden habe und möchte es so gern als gutes Zeichen sehen, doch im Moment kann ich einfach nicht daran glauben.

In der Klinik angekommen gehen wir zu der Stationsschwester. Du wackelst fröhlich den Gang entlang und rufst laut irgendetwas vor dich hin. Wir stellen unsere Sachen im Zimmer ab und gehen zur Ärztin, die dich untersuchen wird. Sie checkt dich von oben bis unten durch: Größe, Gewicht, Kopfumfang, Augen, Ohren, Mund, Herz, Lunge, Bauch… Du bist aufmerksam und assistierst der Ärztin wie ein Profi. Kaum nimmt sie das Stethoskop zur Hand, hebst du schon dein Oberteil hoch. Greift sie zum Otoskop, sitzt du bereits mit geöffnetem Mund vor ihr.
Ich beantworte ihre Fragen und will von ihr wissen, warum wir stationär bleiben sollen. Ich will nicht im Krankenhaus übernachten. Ich will mit dir wieder nach Hause, zu Papa und Justus.
Sie ist der Ansicht, dass wir nur tagesklinisch ohne Übernachtung aufgenommen werden – die Stationsschwester ist anderer Meinung. Der einzige Grund für die geplante Übernachtung in der Klinik ist der 24-Stunden-Sammelurin für die Krea-Clearance. Mit unserer SPZ-Ärztin war jedoch abgesprochen, dass wir das nächste Woche daheim machen werden. Ich bitte die Stationsschwester, es mit den zuständigen Ärzten zu klären in der Hoffnung, dass sie nichts gegen eine Heimreise nach dem MRT haben.

Dein MRT steht für 11 Uhr auf dem Plan. Die Wartezeit wird uns durch zwei liebe Menschen verkürzt, die uns Gesellschaft, Ablenkung und Beistand leisten.
Währenddessen bekommst du ein Emla-Pflaster auf den linken Handrücken und eins in die rechte Armbeuge geklebt.
Die Visite bringt uns die erfreuliche Nachricht, dass keine Gründe dagegen sprechen, wenn wir am Nachmittag wieder nach Hause fahren. Ich bin heilfroh, dass wir die Nacht im heimischen Bett verbringen werden!
Eine Frage brennt mir auf den Nägeln: Wann erfahre ich das Ergebnis? Nach Aussage der Ärzte werden die Bilder am Mittag ausgewertet – wenn es deine Bilder bis dahin in die Konferenz schaffen, bekommen wir das Ergebnis heute. Falls nicht, müssen wir uns gedulden. Ich dränge den Arzt, ob er für ein vorläufiges Ergebnis vielleicht nicht einen ersten Blick auf die Bilder werfen kann, falls sie nicht in der Konferenz ausgewertet werden können. Er hält sich bedeckt und umgeht eine klare Antwort. Verständlich, dass er es mir nicht zusichern kann.  Aber für mich ist das Nervenkrieg.

Gegen 10 Uhr kommt die Stationsschwester ins Zimmer: es ist Zeit, dich für die Narkose vorzubereiten. Bisher hast du als Vorbereitung Dormicum bekommen. Dieses Mal hat sie einen Saft für dich, der nach Pfefferminz schmeckt. Ich höre den Namen und vergesse ihn gleich wieder. Du schluckst den Saft in einem Zug und schon nach wenigen Minuten merke ich, wie das Mittel zu wirken beginnt. Du schwankst im Sitzen und kannst den Kopf kaum halten.
Nur wenig später erscheint die Schwester ein zweites Mal im Zimmer: dir soll der Zugang gelegt werden. Ich trage dich ins Vorbereitungszimmer, denn laufen kannst du nicht mehr.
Das Stechen für den Zugang ist eine Tortur: zuerst wird es an deinem Handrücken versucht. Ich sage dir, dass es gleich piksen wird. „Pieten?“ fragst du mit matter Stimme. Ich streichle deine Wange und du lächelst müde. Als die Nadel in deine Hand sticht, protestierst du mit einem kraftlosen „Aua! Aua!“. Ich hoffe, dass es schnell vorbei ist und die Kanüle sitzt, doch die Ärztin trifft deine Blutgefäße nicht. Immer wieder versucht sie es, aber es will ihr nicht gelingen. Sie gibt auf und entscheidet sich für deine Armbeuge. Die gleiche Prozedur also noch einmal… Du bist zwar umnebelt, aber ich sehe dir an, dass du einfach nur weg willst. Du tust mir so leid. Immerhin sitzt jetzt der erste Stich und das Blut für die Probenentnahme läuft. Leider läuft es nicht dahin, wo es hin soll und unter deinem Arm bildet sich schnell ein großer roter Fleck. Die Ärztin und die Schwestern hantieren mit den Röhrchen und nach einer gefühlten Ewigkeit ist endlich alles erledigt. Dein Arm ist blutverschmiert, ebenso die Unterlage und die Hände der Schwestern.

Mit dem Infusionsständer im Schlepptau gehen wir zurück aufs Zimmer.
10 Minuten vor 11 Uhr fällt der Startschuss fürs MRT. Ich lege dich in dein Bett, ziehe dir eine Narkosewindel an und schiebe dich auf den Gang hinaus. Noch bevor wir am Fahrstuhl ankommen bist du bereits eingeschlafen.

Im MRT-Raum überlasse ich dich den Ärzten und Schwestern. Es ist das erste Mal, dass du schlafend unten ankommst und ich dich nicht während der Narkoseeinleitung im Arm halte.
Dieses Mal dauert das MRT nur eine gute Dreiviertelstunde. Ich weiß nicht, was ich fühlen soll. Kann ich Hoffnung haben? Ist die Angst doch berechtigt?
Vom Gang her höre ich ein leises Piepsen. Ich kenne das Geräusch: ein Pulsoxi und ich bin mir sicher: es ist dein Pulsoxi. Du wirst schlafend in unser Zimmer geschoben, ein friedlicher Anblick und doch habe ich Angst.

Es dauert einige Stunden, bis die Narkose nachlässt und du aufwachst. Du kommst nicht richtig zu dir, hängst zwischen Schlafen und Wachen fest. Immer wieder taumelst du im Sitzen – so kenne ich dich nicht. Bei allen bisherigen MRTs bist du sofort nach dem Aufwachen wieder umher gelaufen, als wäre nichts gewesen. Hattest einen klaren Blick und warst nicht im Entferntesten so wackelig wie heute.
Inzwischen ist es Nachmittag und ich lasse das Mittagessen für dich kommen. Seit dem Morgen bist du nüchtern und jetzt darfst du endlich essen.

Ich weiß noch immer nicht, ob deine Bilder ausgewertet werden konnten oder nicht. Keiner kann mir eine Auskunft geben. Ich hoffe, dass es kein schlechtes Zeichen ist.

Als du mit dem Essen fertig bist, bitte ich die Schwestern, dich von der Infusion zu befreien. Dein eingebundener Arm stört dich und der Schlauch bleibt ständig irgendwo hängen.

Und dann passiert es doch: die Tür geht auf, eine angehende Ärztin betritt das Zimmer und fragt mit einem Lächeln: „Hat jemand schon mit Ihnen gesprochen? Wegen der Bilder?“ Ein Lächeln! Sie lächelt! Das kann nur Gutes bedeuten! Meine Nerven sind zum Zerreißen gespannt. Und tatsächlich, die Bilder zeigen keine Befundänderung, alles ist gut und so, wie wir es uns gewünscht haben!
All die Ängste der letzten Wochen waren umsonst! Dir geht es gut, dein MRT ist sauber, kein Grund zur Sorge!
Ich bin so froh und dankbar für dieses Ergebnis und schließe dich ganz fest in die Arme. Irgendwann wirst du verstehen, warum meine Tränen an deiner Wange herunterlaufen.
Ein halbes Jahr nach Ende der Therapie ist immer noch alles gut. Das erste halbe Jahr ist geschafft, 29 weitere wollen (müssen? werden?) wir noch schaffen. Mindestens.

Ich rufe deinen Papa an und überbringe ihm die gute Nachricht. Durchs Telefon kann ich hören, wie ihm tausend Felsbrocken vom Herzen fallen. Was für eine Erleichterung für uns alle!

Rechtzeitig zum Abendessen kommen wir wieder daheim an. Trotz dass die Narkose bereits sieben Stunden her ist, taumelst und torkelst du noch immer extrem. Was war das für ein Teufelszeug, das sie dir gegeben haben? Beim nächsten SPZ-Termin will ich nachfragen, was es war und warum dieses Mal kein Dormicum gegeben wurde.

Aber nun ist die Welt (erst einmal) für uns wieder in Ordnung.

nach dem Kontroll-MRT

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