24.03.2015 – Leben am Rande des Wahnsinns (das zweite Kontroll-MRT nach Therapieende)

Seit Wochen ist es ein Auf und Ab der Gefühle. Seit Wochen habe ich ein ganz dumpfes Gefühl, was mir Angst macht. Ich scanne dich ständig unterbewusst und kaum kann ich etwas nicht richtig einordnen, kriecht mir die pure lähmende Angst in den Nacken.

Vor zwei Wochen war ich so in Panik, dass ich unserem Arzt in der Onkologie eine Mail schickte, in der ich all meine Sorgen um dich niederschrieb. Dein Verhalten, was mich so sehr an damals erinnerte, als der ganze Albtraum begann. Noch während des Schreibens überlegte ich, ob ich vielleicht überreagiere und das alles nichts zu sagen hat. Was wohl der Arzt beim Lesen denkt? Panische Mutter? Erst die Therapie abbrechen und dann durchdrehen? Egal, es geht um dich und ich muss es jetzt mit einem Arzt teilen.

Als ich die Antwort von ihm erhalte, bin ich ein Stück beruhigter: er nimmt meine Befürchtungen absolut ernst und wird das MRT, das für den 08.04. geplant ist, auf jeden Fall vorziehen, wenn deine Symptome weiterhin bestehen oder sich sogar verschlimmern.

In den folgenden Tagen geht es dir wieder besser und zum ersten Mal seit zwei oder drei Wochen bin ich entspannt und extrem zuversichtlich. Du tobst und lachst und spielst wieder wie ein normales Kind und ich bin mir sicher, dass alles gut ist.

Heute ist alles anders. Ich ertrage das Komplettpaket aus deinem Verhalten, der verstärktem Schläfrigkeit, dem Augenverdrehen, der Essensverweigerung usw. nicht mehr. Das alles ist so wie früher und ich hab schreckliche Angst um dich.
Zum Frühstück isst du fast nichts, du hängst in den Seilen und das Mittagessen verweigerst du bereits ganz. Als du nach dem Mittagsschlaf nur noch schrill kreischst und genau den Blick von damals hast, packt mich das kalte Grausen und ich beschließe, in die Klinik zu fahren. Ich rufe deinen Papa an, der kurz darauf nach Hause kommt. Während ich schnell ein paar Sachen für eine eventuelle Übernachtung einpacke, hält er dich schreiendes Bündel im Arm. Voller Sorge will er uns in die Klinik bringen, doch ich fahre selbst mit unserem Klinikflitzer. So sind wir unabhängig – wer weiß, was alles passieren wird.

In der Klinik angekommen warten wir auf die Untersuchung, als dein Papa zur Tür herein kommt. Er will bei dir sein und wissen, was los ist. Es vergeht eine gefühlte Ewigkeit, bis die Untersuchungen endlich starten. Und eine weitere Ewigkeit dauert es bis wir wissen, wie es weitergeht. Für mich ist ganz klar, du hast ein Rezidiv. Was soll es sonst sein? All unsere Befürchtungen werden sich bewahrheiten, das Schlimmste ist eingetreten…
Wir bekommen ein Zimmer auf der Station, das MRT wird für den Abend geplant. Erleichterung und Angst mischen sich, schon bald werden wir Klarheit haben.

Gegen 18 Uhr bringe ich dich mit einer Schwester in den Vorbereitungsraum und frage den Anästhesisten, wann wir mit einem ersten Ergebnis rechnen können. Er versichert mir, dass die Ärzte direkt im Anschluss an das MRT einen ersten Blick auf die Bilder werfen werden.
Doch noch während deine Narkose vorbereitet wird, fallen plötzlich alle Zweifel von mir ab. Meine Zuversicht ist zurück: es wird alles okay sein, wir werden keine Angst mehr haben müssen, ganz bestimmt! Du bist ein Kämpfer und du zeigst es dem Scheißkrebs!

Ein weiteres Mal lasse ich dich im Tiefschlaf zurück und gehe auf unser Zimmer zurück. Für die Untersuchung sind anderthalb Stunden vorgesehen, die wirst von oben bis unten durchgecheckt.
Nach zwei Stunden des Wartens ist es soweit, du bist fertig, ich kann dich aufs Zimmer holen.
Noch bevor ich den Anästhesisten nach dem vorläufigen Ergebnis befragen kann, gibt er bereits Entwarnung: „Es ist alles gut, es gibt keine wesentliche Befundänderung, kein Nachweis eines Rezidivs.“
Tausend Felsen fallen mir vom Herzen und die Erleichterung bringt alle Dämme zum Brechen. Die Anspannung der letzten Wochen, die fürchterliche Angst um dich, die ständige Sorge – alles löst sich mit diesen Worten in Nichts auf. Für dieses Mal ist alles gut, so darf es bleiben und immer weitergehen!

Du schläfst lange deine Narkose aus und wirst erst kurz nach 22 Uhr wach. Mit einem Bärenhunger isst du alles auf, was ich für dich bereit gestellt habe – und weil du noch immer nicht satt bist, hole ich Nachschub aus der Küche.
Nun sehe ich dich wieder mit anderen Augen, scanne dich nicht mehr ständig auf jedes kleine Signal. Zumindest fürs Erste. Doch ich weiß, diese Bürde haben wir unser ganzes Leben zu tragen. Es wird nie nie nie vergehen. Wir lernen vielleicht höchstens, mit dieser Angst umzugehen. Aber sie wird uns nie mehr loslassen…
Wenn jede Träne, die ich in den letzten Wochen vergossen habe, dir einen Tag Leben schenkt, dann wirst du alt wie Methusalem…

In der Nacht wache ich auf und merke, wie du glühst. Die Nachtschwester bringt ein fiebersenkendes Zäpfchen, doch ich lehne es ab. Ich werde erst darauf zurück greifen, wenn das Fieber noch weiter steigt oder du leiden solltest. Den Rest der Nacht verbringe ich im Halbschlaf. Ich wache über dich, schlaf dich gesund, mein Kind.  Auch ohne Zäpfchen sinkt nun deine Temperatur stetig und am Morgen hast du bereits schon fast wieder Normaltemperatur. Wir werden noch einen Tag zur Überwachung in der Klinik bleiben.
Für uns gibt es nun eine Erklärung für deinen Zustand der letzten Tage – ein Infekt war der Grund.

Seit heute bist du nun auch offiziell in der Nachsorge. Der dich betreuende Arzt im SPZ weist mich noch mal eindringlich darauf hin, dass wir uns jederzeit sofort und direkt an ihn wenden sollten, wenn mit dir irgendetwas sein sollte. Egal um was es geht, jede einzelne Sorge unsererseits ist begründet. Hauptsache, wir als Eltern bekommen wieder ein Gefühl für dich und lernen, Situationen einzuschätzen, ohne dass gleich die Alarmglocken angehen.

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