09.11.2014 – 16 : 14 (wenn man am Ende ist)

Vor genau einem Jahr hat sich dieser elende verdammte Tumor das erste Mal gemeldet. In den letzten Tagen frage ich mich oft, was gewesen wäre, wenn die Ärzte damals genauer hingeschaut hätten.
Wenn sie nicht nur stirnrunzelnd den extrem hohen Blutdruck kommentiert hätten…
Wenn sie nach dem Sturz aus dem Bett eine Ultraschalluntersuchung deines Kopfes gemacht hätten (wie es in anderen Krankenhäusern Standard ist)…
Wenn sie meine Bedenken wegen deines apathischen Verhaltens ernst genommen hätten…
Wenn sie nicht pauschal gesagt hätten, dass dein Erbrechen untypisch für die Folgen eines Sturzes ist, also muss (!) es ein Magen-Darm-Infekt sein…

Wenn – hätte – wäre… Es wird uns niemand sagen können, was dann gewesen wäre. Wer weiß, wozu es gut war, dass es erst im Januar festgestellt wurde. So hatten wir ein unbeschwertes Weihnachten und Silvester. Außerdem hat dein kleiner Körper somit erst 3 Monate später die volle Wucht der Chemotherapie zu spüren bekommen.
Trotzdem bekomme ich die Gedanken nicht aus dem Kopf.

Du leidest momentan fürchterlich. Du bist so schreckhaft, gerätst so schnell in Panik, dir ist übel und bist überhaupt völlig fertig. Ich kann nichts tun, um dir zu helfen. Ich kann nur für dich da sein, dir hin und wieder Zofran verabreichen und versuchen, dir einen schönen Tag zu geben.

Es schlaucht nicht nur dich, auch mir gehen die Kräfte aus. Ich verfluche all das, was dir widerfahren musste. Was dir deine soglose Kindheit genommen hat. Was dir solch ein Leid brachte. Was dir ein so anderes Leben gegeben hat als du es eigentlich leben solltest. Du weißt Dinge, die kein kleines Kind wissen sollte: dass du deinen Verband beim Duschen abdecken musst; dass du Dinge, die heruntergefallen sind, mit einem „Psch psch psch“ aufhebst und mir zum Desinfizieren bringst; dass du beim Hinfallen die Hände hebst um den Boden nicht zu berühren; dass du deinen Katheter an die Brust hältst und dich nach einem Pflaster umschaust, wenn er sich gelöst hat…

Am Nachmittag sind wir draußen in den Feldern. Wie gern würde ich all meine Wut und die ganze Verzweiflung in die Welt hinaus brüllen. Aber nicht einmal das kann ich, ohne dass du in heillose Panik ausgebrochen wärest.

Am Abend können wir beide immerhin schon wieder lachen. Am liebsten würde ich meine Sachen packen und nach Hause fahren. Die Hälfte der Therapie ist um. Erst die Hälfte… Es nimmt dich so sehr mit, es ist schlimm…

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