21.10.2014 – 5 : 25 (Woche 1 geschafft)

Die erste Woche der Strahlentherapie hast du überstanden. Das erste Sechstel ist geschafft und hat uns die gesamte Bandbreite aller Emotionen durchleben lassen.

Momentan kann ich ganz schlecht das Mitgefühl im Bestrahlungszentrum ertragen. Wenn ich all die anderen Menschen mit Tumoren sehe, die auf ihre eigene Bestrahlung warten und von dir völlig verzückt sind und dahinschmelzend etwas wie „Ach Gott, der arme kleine süße Knopf“ sagen, kann ich damit schlecht umgehen. Das sind alles wirklich nette Menschen mit einem schweren Schicksal, die einfach nur ehrliches Mitgefühl für einen anderen Menschen ausdrücken. Aber zur Zeit wäre mir gerade dort vor Ort nüchterne Sachlichkeit lieber…

Am Wochenende genießen wir als ganz normale Familie das großartige Spätsommerwetter. Mit einem Tourismusprogramm, Wanderungen, Spielplatz,… Ganz so, wie es sein soll.
Den Sonntag verbringen wir beim Tag der offenen Tür des Krebsforschungszentrums. Auf dem Parkplatz findet dein Bruder jede Menge vierblättrige Kleeblätter – na wenn das kein Zeichen ist.
Vor dem NCT gehen wir durch ein riesiges aufblasbares Modell eines Darms mit Krebszellen. Bei einer Wucherung fragt mich Justus, was das sei – als er hört, dass das Krebszellen sind, ruft er „Warte Mama, die mach ich fertig!“ und boxt wie ein Wilder auf das Modell ein. Jede einzelne Zelle bekommt ihr Fett weg und am Ende tritt ein zufriedener Sieger aus dem Darm hinaus ins Sonnenlicht.

Am Montag schickt uns der Oberarzt der Radiologie nach der Bestrahlung zur onkologischen Ambulanz. Du bist sehr blass, hast dich die letzten Nächte viele Stunden lang gequält und zuckend im Bett hin und her geworfen. Nichts konnte dich beruhigen, aus Verzweiflung gaben wir dir Zofran, doch da dir nicht übel war, half das Mittel auch nicht. Der Oberarzt will, dass du noch einmal durchgecheckt wirst.
Deine Blutwerte sind, was Erythrozyten und Leukozyten betrifft, gar nicht so schlecht. Sie sinken zwar, sind aber noch im Rahmen. Die Thrombozyten sind im Vergleich zum letzten Mal stark gefallen. Vor 4 Tagen lagen sie bei knapp 300, heute sind sie bei 190. Ich hoffe, der Trend hält nicht an, sonst wird bald eine Transfusion nötig sein.
Deine neutrophilen Granulozyten sind extrem niedrig, nun kann sich jeder klitzekleine Infekt massiv auswachsen.

Heute bespreche ich vor der Bestrahlung mit der Anästhesistin die Ergebnisse. Sie meint, dein Verhalten könne darauf hindeuten, dass du trotz Narkose eben doch etwas von der Bestrahlung mitbekommst, was du (nachts) verarbeiten musst.
Ab heute bekommst du daher vor jeder Narkose eine Gabe Dormicum, das deine Erinnerung vernebeln wird. Hoffentlich fruchtet dieser Versuch und beschert dir erholsamere Nächte, die du dringend gebrauchen kannst.

Die ersten 5 Sitzungen sind geschafft, 25 weitere stehen dir noch bevor.

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