19.09.2014 – vom Planen und Umplanen

Es beginnt mit einem Gespräch in der Tagesklinik, kurz vorm Nachhausegehen:
„Wie sieht es denn mit einem Termin beim HNO aus? Der sollte doch nach Abschluss noch gemacht werden.“
Ärztin: „Das ist vor dem nächsten Mal Carboplatin sinnvoll, aber das bekommt er ja jetzt erst mal nicht.“
„Wie, erst mal nicht? Das bekommt er gar nicht mehr, wir sind mit der Chemo durch!“
Ärztin: „bliblablubb… (Ohrenrauschen)… nach der Bestrahlung ist ja ein weiterer Chemozyklus angesetzt.“
„Nein, ist er nicht! Nach der Bestrahlung sind wir fertig! Wir gehen im Februar zur Familienreha! Und was anderes wurde uns nie auch nur ansatzweise angedeutet!“
Ärztin: „Das wird man sehen. Wenn nach der Bestrahlung keine vollständige Remission erfolgt, wird weiter mit Chemotherapie behandelt.“  

Danke, dass wir das mal eben so nebenbei erfahren. Bislang war nur die Rede von Chemotherapie – Überbrückungschemo – Bestrahlung – MRT-Kontrollen.
Wir haben uns auf alles eingestellt: keine Chemo mehr, keine Übernachtung in der Klinik mehr, Advent und Weihnachten zu viert daheim, die Familienreha in schon fast greifbarer Nähe – und nun soll alles anders werden?
Für mich ist das Gespräch ein Schlag ins Gesicht. Ich bin traurig, enttäuscht, wütend, frustriert. Wie kann die Ärztin einfach davon ausgehen, dass nach der Bestrahlung eine weitere Chemo notwendig ist? Als eventuell folgende Maßnahme bei schlechten Ergebnissen mag das meinetwegen angeraten sein. Aber es stillschweigend einfach voraussetzen?

Nach dem Gespräch gehe ich mit dir zum Auto, wo ich deinen Papa anrufe und meinem Ärger Luft mache. Er ist ebenfalls völlig fassungslos und kann nicht verstehen, dass die Therapie auf einmal weitergehen soll, wo wir ein Ende erwartet haben. Wir werden uns einig, dass wir davon ausgehen, dass die Bestrahlung erfolgreich und eine erneute Chemo überflüssig sein wird. In den letzten Monaten ist alles so gut verlaufen, wie wir es uns nur wünschen konnten, warum sollte es jetzt anders werden? Und selbst wenn – niemand kann vorhersehen, was in ein paar Wochen sein wird. Falls die Bestrahlung nicht den gewünschten Erfolg bringt, werden wir uns auch damit arrangieren und einen Weg finden.

Drei Tage später bekomme ich einen Anruf aus der Klinik. Die für uns zuständige Frau des Sozialdienstes teilt mir mit, dass sie unsere Reha im Februar wohl nicht bei den Ärzten durchbekommen wird. Nun auch das noch… Dabei hatten wir vor dem Reha-Antrag noch einmal Rücksprache mit einem Arzt gehalten und er war der Meinung, dass der Februar zwar sehr knapp, aber dennoch machbar sei. Jetzt heißt es, dass zwischen Therapie-Ende und Reha-Antritt 6 Monate liegen sollten. 6 Monate! Wir einigen uns auf eine Verschiebung auf den Mai. Damit sind wir Mitte des Jahres angekommen. Unser Licht am Horizont, unsere lang herbeigesehnte Erholung rückt wieder weiter weg. Es fühlt sich an, als würde ein zweites Jahr im Krankenhausgedöns untergehen…

Der nächste Herzultraschall steht auf dem Programm. Termin ist um 10 Uhr, doch während unseres Frühstücks kommt ein Anruf aus der Tagesklinik: wir sollen am besten jetzt gleich zum Herzecho fahren. Du isst noch deine Müslischale leer und anschließend fahren wir in die Klinik. Beim Echo müssen wir eine knappe halbe Stunde warten und ausgerechnet zu deiner besten Vormittagsschläfchenzeit holt uns die Schwester ins Untersuchungszimmer. Du kennst das Prozedere zur Genüge und bist sehr kooperativ. Der sehr nette Arzt redet mit dir und erklärt dir alles, während du ihm ganz gebannt zuhörst. Nach einer Weile bist du allerdings so müde, dass du nur noch weg willst. Dich nervt die Untersuchung, das Gedrücke und das Liegen müssen. Du weinst und kannst die Augen kaum offen halten. Der Arzt unterbricht seine Arbeit und redet sanft und ruhig mit dir, sagt dir, dass er deinen Unmut versteht, aber nur noch ein paar Minuten braucht und ohne dein Weinen schneller fertig ist. „Kann ich jetzt weitermachen?“ fragt er dich. Du hast ihm still zugehört, zeigst mit dem Finger auf den Schallkopf und sagst: „Da!“ Der Arzt lacht, bedankt sich bei dir und führt die Untersuchung zu Ende. Sein Fazit: „Die Chemo ist nicht am Herzen vorbei gegangen, sie hat deutliche Spuren hinterlassen. Aber das kann sich im Laufe der Zeit wieder bessern.“ Ich muss kurz schlucken, das war mir neu. Ich frage ihn nach der letzten Untersuchung und ob sich seitdem etwas verändert hat. Er schaut in deiner Akte nach, gleicht die Werte und Ergebnisse ab und kommt zu dem Schluss: keine Veränderung, vor allem aber keine Verschlechterung. Ich bin ein wenig erleichtert.

In der Tagesklinik gibt es sehr erfreuliche Nachrichten:
Deine Blutwerte sinken zwar, doch bei weitem nicht so schnell wie bisher nach Carboplatin üblich. Daher kommst du – viel länger als nach den bisherigen Chemos – noch immer ohne Bluttransfusion aus.
Vielleicht zeigen die Mittel tatsächlich bereits Wirkung, die du zusätzlich von uns bekommst.

Papa und Justus sind inzwischen zu den Großeltern gefahren und bleiben bis zum Sonntag dort.

Am Nachmittag sitzen wir auf dem Balkon – du auf meinem Schoß und an meinen Bauch gekuschelt – und hören dem Gewitter zu. Der Regen prasselt neben uns auf die Blätter des Baumes und der Donner lässt die Balkontür zittern, während du erschöpft einschläfst.

Ein Kommentar zu „19.09.2014 – vom Planen und Umplanen

  1. Sprachlos…. Das ist alles so… Quälend… Wie man die Fakten beigebracht kriegt… Teilweise so hart,.. Das tut mur soo leid ich hab euer ende so herbeigesehnt. Irgendwie tuts weh. Dieser scheiß. Manchmal ist das leben echt schwer zu begreifen… Mörder sitzen quitschfidel in ihren Zellen, und kleine liebe schätze müssen durch sowas durch… Why?!?!? Aber mich würde nicht wundern wenn der kleine Kämpfer es uns zeigt,.. Man ich wünsche euch si dass das vielleicht echt nicht sein muss?!?!

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