16.07.2014 – 38,9°C

Die letzte Nacht war schon sehr unruhig, du bist immer wieder schreiend aufgewacht und hast nur schwer wieder zurück in den Schlaf gefunden.  Die halbe Nacht hatte ich dich im Arm, wo du zur Ruhe gekommen bist.

Seit 4 Tagen trage ich einen Mundschutz, nachdem mich eine dicke Erkältung erwischt hat. Ich achte peinlichst darauf, dass ich dir nicht ohne Schutz zu nahe komme und du nicht mein Besteck in den Mund nimmst oder aus meiner Tasse trinkst. Selbst im Auto und unterwegs bin ich vermummt, an die Blicke unserer Mitmenschen habe ich mich inzwischen gewöhnt.

Am  frühen Morgen fahre ich mit dir in die Uniklinik, du hast erst einen Termin beim HNO (alles bestens), danach bekommst du ein Thrombozytenkonzentrat. Die Bluttransfusion und die anschließende Überwachung verschläfst du. Als du aufwachst, bist du ziemlich unleidlich. Irgendetwas ist mit dir, ich weiß nur noch nicht so recht, was.

Am Abend bist du nur noch fertig, du bist früher als sonst müde. Nach dem Waschen messe ich, wie immer, deine Temperatur: 37,7°C.  Etwas höher als sonst, aber ich hoffe, dass das nichts zu bedeuten hat und bringe dich ins Bett.

Anderthalb Stunden später wachst du auf, weinend und ziemlich warm. Ich messe erneut und das Thermometer zeigt 38,1°C an. Mist, wenn dieser Trend anhält, sind wir heute Nacht noch zurück in der Klinik. Da du dich nicht beruhigen lässt, packe ich dich in die Trage vor meinen Bauch und packe vorsichtshalber unsere Kliniktasche. Dabei wirst du ruhiger und ich kann mich wie vorgeschrieben auf der Station melden. Die Schwester am Telefon beratschlagt sich mit einer Kollegin über das weitere Vorgehen und meint, wir sollen deine Temperatur weiter beobachten. Falls sie nicht über 38,5°C steigt, soll ich morgen auf jeden Fall in der Tagesklinik anrufen und Bescheid geben. Steigt sie weiter, ist der Weg in die Klinik unausweichlich.

Papa ist sehr beunruhigt, ebenso wie ich. Wir bereiten alles für eine mögliche Klinikaufnahme vor und gehen ins Bett. Du liegst wieder lange in meinen Armen, denn sobald ich dich ablegen will, weinst du jämmerlich los und suchst mit deinen kleinen Händen nach mir.

Gegen 22 Uhr bist du nicht mehr nur warm, sondern du glühst richtiggehend. Also zücke ich erneut das Thermometer: 38,9°C. Okay, damit herrscht nun Klarheit. Ich rufe in der Klinik an und sage, dass wir spätestens in einer halben Stunde da sein werden. Die Schwester gibt die Info an die Ärzte weiter, damit gleich nach unserer Ankunft das Infektionsmonitoring starten  kann und wir keine Zeit verlieren.
Papa bringt uns und die Tasche zum Auto, draußen sind es noch 25 Grad und du hast nur dein kleines Schlafhemdchen an. Papa verabschiedet sich von uns, dann fahren wir los.

Während der Fahrt bist du ganz ruhig, schaust mich mit gläsernem Blick aus halbgeschlossenen Augen an und brummst  vor dich hin. Dein Kopf ist glühend heiß, die vielen feinen Adern und Äderchen sind knallrot zu sehen und dein Puls ist schnell wie der Flügelschlag eines Kolibris.

In der Notaufnahme werden wir schon erwartet. Die Schwester tippt alle Daten in den Computer, die Ärztin untersucht dich und wir werden auf die Station gebracht. Allerdings nicht auf unsere Onkologie, sondern auf die Neuropädiatrie. Dort werden Abstriche aus Rachen und Po genommen und du wirst an die Infusion angehängt.  Es ist fast ein Uhr, als wir endlich unser  Zimmer beziehen und du schlafen kannst. Noch bevor die erste Antibiose durchgelaufen ist, bist du bereits eingeschlafen. Und ich kann zum ersten Mal seit 4 Tagen endlich ohne Mundschutz schlafen.

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