19.01.2014 – auf Entzug

Die Nacht war relativ ruhig. Einmal Stillen, danach haben wir lange gekuschelt.
Am Morgen bin ich so erholt wie schon lange nicht mehr.

Vor dem Mittag wirst du gewogen. Am Tag der OP vor 5 Tagen wogst du nur noch 7990g und hattest damit dein Gewicht vom Oktober unterschritten. Jetzt bringst du ganz aktuell sage und schreibe 8500g auf die Waage!

Hier auf Station sind alle zwar nett, aber ich fühle mich von Anfang an nicht wirklich… hm… aufgehoben? Heimisch? Geborgen? Wohl? Das sind nicht die richtigen Worte, immerhin sind wir in einem Krankenhaus und nicht im Urlaub. Dennoch war es auf der Intensivstation anders, nur konnte ich anfangs nicht zuordnen, warum. Jetzt weiß ich es. So absurd es klingen mag, auf der ITS war es trotz aller Umstände und Sorgen entspannter, gelassener, herzlicher. Hier läuft, zwar längst nicht für alle, aber dennoch für viele, nur Dienst nach Vorschrift.
Was zum Beispiel auf der ITS möglich war, nämlich dieses nervtötende Gepiepse abzustellen, das jedes Mal losging, wenn du deinen rechten Arm gehoben oder an der linken Brust gestillt hast und damit der Zentrale Venenkatheter etwas abgedrückt war, ist hier strengstens verboten.

Im Laufe des Tages wird dein Bruder von euren Großeltern nach Hause gebracht. Soll er heute schon zu Besuch kommen? Oder ist es besser, wenn wir damit noch ein paar Tage warten? Auf der anderen Seite kann es für dich durchaus hilfreich sein. Immerhin hast du bisher immer über alle Backen gestrahlt, wenn du deinen Justus gesehen hast.
Wir entschließen uns, noch einen Tag zu warten, morgen sollt ihr euch endlich wiedersehen können.

Du machst weiterhin Fortschritte in 7-Meilen-Stiefeln:
Deine Augen machst du nun richtig auf. Noch sind sie etwas unkoordiniert, aber das linke Auge huscht bedeutend weniger weg als gestern.
Als Papa uns besuchen kommt, schneidet er mir Birnen und Sharon auf und stellt sie neben mich, während ich stille. Nach einer Weile drehst du dich zum Teller um, nimmst dir ein Birnenachtel, stopfst es dir in den Mund und lutschst das Weiche ab. Deine Bewegungen sind dabei zwar noch etwas fahrig, so als wärest du angetüdelt, aber du nimmst dir tatsächlich ganz alleine eine Birne nach der anderen! Papa und ich sitzen da wie vom Donner gerührt und können nicht glauben, was wir da sehen.
Außerdem willst du wieder spielen. Du greifst nach deinem Spielzeug, drehst es in den Händen, schaust es von allen Seiten an, lutschst daran herum… Fast so, als wäre nichts gewesen.

So wunderbar und großartig Deine Fortschritte sind, sie werden überschattet von Luxusproblemen, die im Laufe des Tages hinzukommen. Du hast mit Entzugserscheinungen zu kämpfen, ich mit wunden Brustwarzen. Du klammerst dich an mich und weichst mir keinen Millimeter von der Seite.
Du leidest und ich leide mit, obwohl ich dir doch Kraft geben will. Es zerreißt mir das Herz, wenn die Toilette nur wenige Schritte entfernt ist und ich sie doch nicht erreichen kann, weil du in heller Panik heißer losbrüllst und verzweifelt schluchzt, sobald ich mich nur einen Meter entferne…
Mein Leben findet gerade auf 6qm statt. Mehr Reichweite haben deine Kabel und Schläuche nicht.
Der Propofolentzug hat dich im Griff. Du zitterst immer wieder wie ein Junkie, krampfst deine Hände an allem fest, was du gerade erwischst und quälst sich. Ohne zwei Tropfen Morphin würdest du das nicht durchstehen. Danach bist du ruhiger und kannst dich erholen.
Nach dem Stillen liegst du neben mir im Bett. Wir schauen uns einige Minuten an und ich rede mit dir, als plötzlich etwas in deinen Augen flackert, du wie von Angst durchflutet wirst und entsetzlich losschreist. Was gäbe ich dafür, nur 5 Minuten in deinem Körper zu sein. Zu fühlen, was du fühlst. Zu sehen, was du siehst…

Am Abend bist du nach einem langem Kampf endlich eingeschlafen. Nur wenig später wechselt die Nachtschwester dein Pulsoxi – und sofort bist du wieder wach. Ich bin am Rande der Verzweiflung, jetzt geht der Kampf von vorne los. Meine Brustwarzen tun weh, du krallst mir beim Stillen ständig hilfesuchend ins Gesicht und findest keine Ruhe. Ich bin müde, fertig und heule, während du weiter kämpfst.
Und du bist nicht der Einzige. Von irgendwo höre ich über den Flur ebenfalls ein kleines Kind weinen. Immer wieder.
Die Nachtschwester ist sehr verständnisvoll und meint, du brauchst mich jetzt ganz sehr. Du musst erst wieder im Hier und Jetzt ankommen, das braucht manchmal Zeit. Sie fragt mich, ob sie mir irgendwie helfen kann und bringt mir eine Flasche Wasser. Wenn ich nicht mehr kann, soll ich mich melden, dann würde sie dir wieder Morphin geben. Ich will das nicht. Nicht, wenn es auch anders, so wie jetzt, geht. Sonst bist du zwar von Propofol weg, hängst aber am Morphin und wir machen den nächsten Entzug von vorne durch.
Nach einer Weile beruhigst du dich. Du zitterst nicht mehr und versuchst auch nicht mehr zu kreischen.
Irgendwann, ich habe jedes Zeitgefühl verloren, bist du eingeschlafen. Ich halte dich kleines hilfloses Bündel weiter im Arm, bis auch ich vom Schlaf übermannt werde.

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