17.01.2014

Die Nacht war schrecklich unruhig. Du hast von 0:30 bis 3:00 und noch eine Stunde von 5:00 bis 6:00 geschlafen. Die restliche Zeit habe ich an deinem Bett gestanden, dich gestreichelt, dir gut zugeredet und deine Hände gehalten. Du hast immer wieder Atemaussetzer und immer wieder halte ich dir die Sauerstoffbrille vor die Nase und kitzele dich, damit du atmest. Wie gern hätte ich dich aus dem Bett auf meinen Arm genommen, doch noch bist du so sehr verkabelt, dass das nicht geht…

Am Morgen kommt Papa zu uns. Er löst mich ab, so dass ich Frühstücken gehen kann. Ich habe keinen Hunger, doch ich muss etwas essen. Meine Hosen beginnen zu rutschen, mein Kreislauf sackt weg.

Das ewige Warten zehrt an den Nerven, es raubt die Kraft, es strapaziert die Geduld.
Der Warnton der Überwachungsgeräte hat sich in mein Gehirn eingebrannt. Ich höre ihn überall. Unter der Dusche, in der Cafeteria, vor der Klinik…
Zwischendurch ergreife ich die Flucht. Papa bleibt bei dir, ich gehe runter um einen Kakao zu trinken. An einen Ort, um zusammenzubrechen, zu heulen, zu verzweifeln und alles zu verfluchen. Und um danach tief durchzuatmen, den Kopf hochzunehmen und mit neuer Kraft auf die ITS zu gehen.

Es ist gegen halb zehn, als wir dich aus deinem Bett nehmen dürfen und du zum ersten Mal seit Dienstag stillen kannst. Du trinkst sehr zaghaft und sehr unkoordiniert, während bei uns die Tränen vor Freude laufen. Dein Unterkiefer schwankt nach links und rechts, deine Zunge findet die richtige Stelle noch nicht. Trotzdem trinkst du und die Milch kommt in deinem Magen an, ohne dass du dich verschluckst.

Du kannst uns nicht richtig anschauen, denn dein linkes Auge huscht immer nach links außen weg. Du versucht uns zu fixieren, doch dein Auge lässt sich nicht von dir kontrollieren. Wenn du weinst, ist dein Gesicht asymmetrisch. Es sieht aus, als würde dein linker Mundwinkel hängen. Noch gehen die Ärzte davon aus, dass du eine Gesichtslähmung auf der linken Seite hast. Später, als die Nachwirkungen der OP nachlassen, wird deutlich werden, dass die Fazialisparese rechtsseitig ist.

Als die operierende Neurochirurgin ins Zimmer kommt um nach dir zu schauen, ist sie ehrlich erstaunt. Darüber, dass du keine Schläuche mehr in Mund und Nase hast und darüber, dass du dich seitengleich bewegst. Sie habe ja schon viel gesehen und ist begeistert, mit welchem Tempo du dich erholst und welche Fortschritte schon sichtbar sind.

Was mache ich heute Nacht? Ich schwanke zwischen bleiben und fahren. Vernünftig wäre es, zu fahren. Daheim zu schlafen, Kraft zu tanken, was ich hier nicht könnte. Ich weiß, ich brauche die Kraft für die nächsten Tage, Wochen. Doch mein Herz will hier bleiben. Auch wenn es bitter ist, dich zu sehen, wie du dich trotz Morphin, Nurofen und Berlosin vor Schmerzen krümmst. Wie du die Augen verleierst und halb offen nur das Weiße zu sehen ist. Wie du schreien willst und doch nur jammern kannst…

Wir gönnen uns zweieinhalb ganz intensive Stunden mit viel Stillen, Kuscheln und Nähe tanken. Bei der Pflege danach sehe ich dass du dort, wo tagelang nur ein Loch gewesen ist, tatsächlich einen ganz kleinen Kullerbauch hast. Anschließend fahren wir nach Hause und lassen dich schweren Herzens in der Klinik zurück.

Um halb zehn Uhr abends bekommen wir einen Anruf deiner Zimmerschwester. Sie sagt uns, dass du dich augenblicklich auf den Bauch gedreht hast und nun ruhig und fest schläfst. Wir sind ihr unendlich dankbar für diesen Anruf. Mit einem Seufzer der Erleichterung fallen auch wir in einen tiefen Schlaf.

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